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  • Anette Fintz

23.12.: Die Weihnachtsgeschichte - eine Adaption

Aktualisiert: 23. Dez 2020


von Anette Fintz


Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gesetz erlassen wurde, nach dem alle Welt getestet werden sollte. Das erfuhren auch Merle und Jannis, ein junges Paar vom Land. Viel Müh‘ hatte es sie gekostet, nach einer Testmöglichkeit zu suchen. Da sie jedoch jung an Jahren und bar jeden Risikos waren, ward ihnen ein Test verwehrt. So zogen sie in die Stadt. Beim Trampen nahm sie trotz einer App, mittels der sie hätten zurückverfolgt werden können, keiner mit.


So nahm das traute Paar den Flixbus. Weil der Flixbusse aber nur noch wenige fuhren, ward die Strecke gar beschwerlich und lang. So kam es, dass Merle und Jannis ermattet und hungrig in einer dunklen Nebenstraße zum Aussteigen kamen. Nicht nur vor Hunger hielt Merle sich den Bauch, sondern vor allem weil ein Kindlein sich unter ihrem Herzen regte.

Jannis sah sich nach einem Dönerstand um. Da aber von der Kaiserin Angela das Gebot ausgegangen war, alle Lokale zu schließen, ward die Suche vergebens.


Merle indes seufzte unter den Schmerzen ihrer nahenden Niederkunft – das Kindlein wollte die Dunkelheit der Welt erblicken. Alsdann sah Jannis das Zeichen: über einem Haus stand nicht nur ein Stern, sondern gar fünf Sterne! Darob wurde er froh, ergriff Merles Hand und schritt darauf zu. Ein ehrbarer Mann am Eingang mit Namen „Concierge“, hörte sich das Anliegen des Jannis an. Gleichwohl ihn das Paar dauerte, wiederholte er ohn‘ Unterlass die Regel Kontaktbeschränkung und das Beherbergungsverbot. So kam es, dass dem Paar der Einlass ins Haus verwehrt wurde.

Der Sternenlauf jedoch ließ Jannis auf diesen Ort beharren. Er schob Merle in den Aufzug und als auf der Anzeige „TG“ gülden leuchtete, nahm der junge Mann behände das schwangere Weib und fand einen großen freien Parkplatz zwischen einem Mercedes und einem Audi. Deren jeweilige Sommerreifen waren auf dem Platz in gar feines Tuch geschlagen, so dass sie dem Paar nun Sitz und Schutz boten.


Es waren aber auch ein paar Kurzarbeiter auf der Straße, die durch die Lohnminderung ihre hohen Mieten nicht mehr begleichen konnten. Sie drängte es wegen der Ausgangssperre in einen Unterschlupf. Auch sie sahen die Sterne stehen und sagten sich: „Ei, wie schön mag‘s dort wohl sein. Lasset uns hinziehen und sehen, ob wir nicht in der Garage Matratzen finden und ein Gericht köcheln können.“ So machten sich die groben Gesellen auf den Weg, folgten einem Passat ins Haus und wollten eben ihren Bunsenbrenner aufstellen, als sie ein Geräusch am anderen Ende der Garage vernahmen. „Ein Kindlein klein!“ rief einer aus. Und so kam’s, dass die Kurzarbeiter das Neugeborene umringten, das in feines Tuch gewickelt auf den Reifen lag.


Es graute schon der Morgen als ein Porsche einfuhr, dahinter ein Bentley und dahinter ein Maserati. Aus den Karossen stiegen drei Männer aus fernen Landen, gekleidet in feinsten Zwirn. Die kleine Menschenschar um die junge Familie wurde gewahr, welch‘ große Gefahr von Fremden und vor allem deren Viren ausgehen konnte, und wich zurück. „Fürchtet Euch nicht!“ rief da einer der schönen Herren. „Wir sind den fünf Sternen gefolgt, denn hier sollten wir es verkünden: Siehe, wir bringen Euch große Freude, denn heute ward der Impfstoff zugelassen. So wisset: bald dürfet Ihr diese Garage verlassen, Ihr werdet arbeiten dürfen und vielleicht könnt Ihr sogar wieder Eure Mieten bezahlen. Eure Kinder werden gemeinsam mit andren Kindern unterrichtet werden, kein AHA wird mehr die Mühsal Eures Lebens prägen. Hebet Eure Augen auf, es wird eine Zeit des Reisens und Feierns kommen.“ Und wie die drei Herren in schönem Gewande so sprachen, ward die Freude unter den Menschen in der Garage recht groß.


Denn auch, wenn sie es jetzt nicht sehen konnten, so waren sie doch ganz gewiss: es nahte eine Zeit des Heils, in der alle die Masken fallen lassen würden.